
Hemingways letzte Tage: Spurensuche in Ketchum
Nach einem ebenso abenteurerlichen wie erfolgreichen Leben ist Ernest Hemingway in den späten 1950er Jahren von Depressionen gezeichnet. Er zieht sich zurück in die Berge Idahos. Ein Besuch in Ketchum, Hemingways letztem Wohnort.
Der Weg zu Ernest Hemingways letztem Wohnort ist steil und steinig. Diese Erkenntnis trifft uns etwas unvorbereitet, als wir die Trail Creek Road in Richtung Ketchum hinauffahren. Die Passstraße über die Bear River Range ist nicht asphaltiert.

Autos begegnen uns nur vereinzelt. Anfangs staunen wir über menschenleere Weiden mit schmalen Flüssen und kleinen Bauminseln. Bald aber wird das Terrain schroffer.
Hemingways Talent als Location Scout
Als wir die Passhöhe erreichen, sind wir uns auf 2410 Metern Höhe. Vorbei an einem steilen Abgrund fahren wir ins Sun Valley hinunter, einem der favorisierten Aufenthaltsorte des rastlosen Schriftstellers. Bald wird die Landschaft deutlich lieblicher. Abermals bestätigt sich, dass „Papa“ neben seiner literarischen Gabe über ein weiteres Talent verfügte: Er hatte ein unfehlbares Gespür dafür, die schönsten Orte des Planeten aufzuspüren, bevor die Massen es ihm gleichtaten.

Paris in den Zwanzigern, Key West und Havanna gehören zu den Stationen des Autors, der dabei stets ein sicheres Gespür dafür an den Tag legt, sich im Rampenlicht zu positionieren.
Protagonist einer literarischen Avantgarde
Sei es als Reporter aus Krisengebieten, als trinkfester Draufgänger, als Frauenheld oder als Protagonist einer literarischen Avantgarde, die sich einer knappen, höchst präzisen Sprache bedient.

Als Hemingway (1899–1961) Ketchum im September 1939 erstmals besucht, ist er ein Star. Dies beschert ihm und seiner Gattin Martha Gellhorn das Angebot, im Austausch für publikumswirksame PR-Fotos kostenlos ein Zimmer im Sun Valley Resort zu beziehen.
Die Schweiz als Vorbild für Idaho
Die Betreiber der Union Pacific Railroad hatten diese errichtet, um Skiorte in der Tradition der Schweizer Alpen in den USA populär zu machen.

Drei Mal residieren die Hemingways mehrere Monate in Suite 206 des Luxushotels, wo er an einem Schlüsselwerk arbeitet: „Wem die Stunde schlägt“, seinem großen Roman über den Spanischen Bürgerkrieg. Da Hemingway nur vormittags schreibt, hat er ausreichend Zeit, auf Enten- oder Fasanenjagd zu gehen sich in die Weiten Idahos zu verlieben.
Hemingway kauft ein Anwesen in Ketchum
Immer wieder kehrt er hierhin zurück, wenn ihm nach Ruhe zumute ist. Als er im November 1959 von Schmerzen und Depressionen gezeichnet ist, erwirbt er mit seiner aktuellen Frau Mary Walsh für 50 000 USD ein Anwesen in Ketchum.

All dies wissen wir bereits, als wir das Ketchum an einem schönen Herbstnachmittag erreichen. Zunächst suchen wir die letzte Ruhestätte des Literaturnobelpreisträgers auf, die sich auf dem Ketchum Cemetery unter einer Konifere befindet.
Hemingways Grab in Ketchum
Der Grabstein ist schlicht. Ein Schild suchen wir vergeblich. Das mag daran liegen, dass sich der Autor am 2. Juli 1961 das Leben genommen hat. Ein Akt, den das puritanische Amerika auch seinen größten Helden nie verzeiht.

Später suchen wir das Christiania’s in der Walnut Avenue auf, wo der Autor getreu übereinstimmender Berichte am 1. Juli sein letztes Mahl zu sich nimmt. In Marys Gesellschaft bestellt er ein New York Strip, eine Ofenkartoffel und einen Ceasar’s Salad, dazu genehmigt er sich ein Glas Bordeaux.
Spurensuche im Pioneer Saloon
Das Restaurant, das heute als Michel’s Christiania’s firmiert, ist jedoch geschlossen. Also schlendern wir zum Pioneer Saloon an der Main Street. Das Lokal macht seinem Namen alle Ehre: Das Ambiente ist rustikal und die Stimmung ist ausgelassen. Die holzgetäfelten Wände sind mit kapitalen Hirschgeweihen dekoriert, doch eine Ecke ist dem Gedenken an Hemingway vorbehalten.

Neben einigen Fotos, die den Autor in abenteuerlustigen Posen zeigen, hängt dort auch Hemingways bevorzugtes Jagdgewehr, eine Winchester von 1953. Als wir die Gedenkwand mustern, bemerkt der diensthabende Concierge unser Interesse. Er trägt Hut und Stiefel und stellt sich als „Whitey“ vor.
Hemingways Haus in Ketchum: geschmackvoll, nicht protzig
Einen Tisch könne er uns nicht anbieten, sagt er, leider sei alles ausgebucht, wohl aber könne er uns verraten, wo sich das Haus Hemingways befinde. Wir blicken ihn erstaunt an: unseren Informationen zufolge gehört das Anwesen zu einer geschlossenen Wohnanlage, in der Fremde nicht erwünscht sind. „Ach was“, beschwichtigt Whitey uns, „fahrt einfach hin.“ Niemand habe einen Überblick, wer wo zu Besuch komme. Er nennt uns die Adresse und versichert uns, dass nichts passieren werde.

Wir zögern, schließlich haben auch wir gehört, dass mit Eindringlingen in den USA nicht immer zimperlich umgegangen wird. Dann aber fragen wir uns, was der Autor selbst getan hätte – und schon sind wir unterwegs. Behutsam rollen wir an stattlichen Anwesen vorbei, bis wir das Haus erreichen. Es ist eine zweigeschossige Villa mit Holzfassade und Steinkamin, nicht protzig, sondern geschmackvoll.

Das Haus befindet sich seit 2017 in Besitz der örtlichen Bücherei, die es gelegentlich an ambitionierte Stipendiaten vergibt. Als wir uns vorstellen, wie es wohl wäre, dort ein paar Geschichten zu schreiben, bauen sich zwei Rehe zwischen uns und dem Anwesen auf. Schön, konstatieren wir, dass solche Orte auch in unserer Zeit noch existieren – und das nicht nur in der Literatur.
Infos zu Hemingways letztem Wohnort
Weitere Informationen zu Attraktionen in Idaho findest du auf der Webseite des Tourismusbüros.
Ernest Hemingway hat seine letzten Jahre in Ketchum im US-Bundesstaat Idaho verbracht hat.
Die Community Library in Ketchum ist Eigentümer des Hemingway Home in Ketchum. Die Adresse des Hauses ist offiziell nicht publik. Wer sie in Erfahrung bringen möchte, hat im Pioneer Salon beste Chancen.
Ernest Hemingway wurde auf dem Ketchum Cemetery begraben. Dort kann man das Grab besuchen. Eine große Gedenkstätte fehlt, wahrscheinlich weil der Schriftsteller Suizid begangen hat, was in den tief gläubigen USA als Frevel gilt.
Adresse: 1026 North Main Street, Ketchum, ID 83340, GPS: 43.68716, -114.36619
Der nächstgelegene internationale Flughafen ist Salt Lake City, von dort sind es 470 Kilometer nach Ketchum. Nach Boise (ID) sind es 250 Kilometer, nach Missoula (MT) 500 Kilometer. Die Gegend ist recht einsam.
Bei seinen ersten Aufenthalten in Ketchum hat Ernest Hemingway ein Zimmer im Sun Valley Resort bewohnt. Gäste können dieses bis heute buchen.
Adresse: 1 Sun Valley Rd. E., Sun Valley, ID 83353, ab 250 USD, sunvalley.com.
Im Ort hat Hemingway folgende Lokale besucht:
Pioneer Saloon: 320 N. Main St, Ketchum ID 83340, tgl. ab 15.30 Uhr, Tel. 208 726 3139, pioneersaloon.com
Michel’s Christiania: 303 Walnut Ave., Ketchum, ID 83340, Di–Sa ab 16.45 Uhr, Tel. 208 726 3388, michelschristiania.com
Die Gemeindebibliothek hat einen kleinen Guide zusammengestellt. Weitere Informationen findest du auf der Seite von Sun Valley sowie auf der Webseite von Visit Idaho.

