
Architektur in Chicago: eine Bootstour
Eine Bootstour durch Chicago kommt einer Reise durch die Geschichte der modernen Architektur gleich. Unterwegs können die Passagiere zahlreiche Gebäudeikonen in Augenschein zu nehmen. So wird der Trip zu einem Stadterlebnis, das einen bleibenden Eindruck hinterläßt - und das ganz ohne Anstrengungen.

Die Architektur in Chicago ist überwältigend. Die Skyline, all die Menschen, überall Restaurants oder Geschäfte. Und am Abend die Lichter. Vor allem auf Reisende, die noch nie in Nordamerika gewesen sind, wirkt all dies sehr anders als Europa.

Zudem verändert sich die Stadt rasend schnell. Überall gibt es neue Trends, weshalb ein Besuch auch für USA-Veteranen selten einfach nur die Erwartung erfüllt. Was hingegen immer wieder aufs Neue wie eine Premiere wirkt, ist ein Spaziergang durch die Häuserschluchten. Dabei ist es nicht nur die Höhe der Bauwerke, die Bewunderung auslöst. Nein, es sind die vielen Stilrichtungen, die das Ensemble der Wolkenkratzer einzigartig machen.
Form Follows Function
Viele Baustile wurden in Chicago kreiert. Den Anfang haben Henry Hobson Richardson, Daniel Burnham, Louis Sullivan und ein paar Zeitgenossen gemacht. Letztgenannter Architekt (1856–1924) zeichnet zugleich für das bis heute beschworene Credo »Form Follows Function« verantwortlich. Modernisten wie Mies van der Rohe haben dies erst viel später in aller Radikalität umgesetzt.

Sullivan selbst hat sich nicht davon abhalten lassen, Entwürfe wie das Wainwright Building oder das Kaufhaus von Carson, Pierie & Scott dank reichhaltiger Ornamente mit einer bis in die Gegenwart wirkenden poetischen Kraft zu versehen.
Chicago und die ersten Wolkenkratzer
Ein Standardwerk über die Baukunst Chicagos trägt den Untertitel »Die Entstehung der kosmopolitischen Architektur des 20. Jahrhunderts«. Das bringt die Sache ziemlich genau auf den Punkt. Auch dank der ersten Wolkenkratzer und Bürogebäude, die mithilfe des neuen Eisenskelettbaus in ungeahnten Höhen vorgestoßen sind. Auch hierdurch war das Selbstbewusstsein der jungen Metropole 1893 bereits so groß, dass Chicago die Weltausstellung ausrichtete.

Dies ergänzte das Idealbild von der amerikanischen Großstadt um den Willen, mit europäischen Kapitalen wie Paris oder London mitzuhalten. Die reine Imitation der Vorbilder wurde bald unter der Realität unbändigen Wachstums begraben. Die Expansion in die Vertikale war nicht mehr aufzuhalten.
Bootstour durch Chicago: Neue Baustile
Zur Erinnerung: Seinerzeit war die Erschließung des amerikanischen Westens über Eisenbahnen und die Route 66 noch lange nicht abgeschlossen. Doch das hinderte die Architekten Chicagos nicht daran, die Fassaden der immer höher werdenden Gebäude als Projektionsfläche für Baustile wie Neogotik und Neoklassizismus zu verwenden.

Diese Wolkenkratzer haben auf fast schon geschwätzige Weise Tempel, Kirchen und andere ehrwürdige Bauwerke des alten Europas zitiert. Damit war es spätestens vorbei, als sich 1938 in Person von Mies van der Rohe der letzte Direktor des Bauhaus in Chicago niederließ.

Als die Erschließung des Kontinents weiter voranschritt, nahm die Kunst des Vertikalbaus jene geschliffene Sachlichkeit an, die bereits aus der Vision Louis Sullivans gesprochen hatte. Die Evolution des Wolkenkratzers war damit weitgehend abgeschlossen.

Auch war dem typisch amerikanischen Stil des Mid Century Modern der Weg bereitet, der später in Palm Springs und Los Angeles veredelt wurde. Lediglich die vollverglaste Fassade mit gewölbten Flächen und die effektvolle Verschachtelung einzelner Gebäudetrakte mussten noch erfunden werden.
Bequeme Bootstour auf dem Chicago River
Dies alles können Besucher ziellos per Pedes erkunden. Auch stehen diverse Führungen zur Auswahl. Die vielleicht bequemste Variante ist eine Bootstour, die von der Chicago Architecture Foundation organisiert wird.

Das Spannungsfeld ist enorm: Der Ableger befindet sich vor dem herzzerreißend schönen Wrigley Building von 1920, daneben schraubt sich ein Glasturm in die Höhe, auf dem der Name des 45. und 47. Präsidenten der USA prangt. Während der folgenden 90 Minuten rücken Dutzende legendäre Bauten ins Blickfeld. Unvergesslich!
Infos: Bootstour auf dem Chicago River
Weitere Informationen zu den Attraktionen von Chicago findest du auf der Homepage des Tourismusbüros.
Ja, du kannst in Chicago von März bis November eine Bootstour zum Thema Architektur unternehmen. Die Chicago Architecture Foundation Center River Cruise ist eine 90-minütige Rundfahrt an Bord der First Lady. Die Boote legen in der Regel von 9 bis 19.30 Uhr ab.
Die Tickets kosten aktuell 57 USD.
Passagiere sollten 30 Minuten vor Abfahrt am Anleger sein.
Adresse: 112 E. Wacker Drive, architecture.org/tours
Ich persönlich finde den Ticketpreis von 57 USD sehr happig. Aber die Tour auf dem Chicago River lohnt sich dennoch. Die Eindrücke sind überwältigend, die Moderation durch die Tour Guides ist unterhaltsam. Außerdem ist es recht erholsam, beim Citytrip mal 90 Minuten zu sitzen.
Tipp: Schau dir an, ob du noch andere Attraktionen besuchen möchtest, die im City Pass enthalten sind. In diesem Fall lohnt sich eventuell dessen Anschaffung.
Frank Lloyd Wrights Robie House ist eine architektonische Sensation. Hier gelangst du zum Artikel.
Chicago Architecture Center (CAC): Die Nonprofit-Organisation existiert seit 1966. Ihre Mission ist die Hervorhebung der Bedeutung von Design und Architektur, die sie im Rahmen von 85 unterschiedlichen Führungen vermittelt.
2018 ist die CAC in Mies van der Rohes One Illinois Center umgezogen, seitdem bereichert eine Ausstellung mit einem Stadtmodell aus dem 3D-Drucker das Angebot. Fr bis Mo 10 bis 16 Uhr, Eintritt 15 USD, 111 E. Wacker Drive, Chicago, IL 60601, architecture.org.
Weitere Architekturführungen zum Nachlaufen bietet die Webseite gpsmycity.com über ihre App an.
Das Tourismusbüro Choose Chicago bietet eine Übersicht mit zehn Gebäudeikonen.
Lektüre: Zur Vorbereitung eignet sich der »Pocket Guide to Chicago Architecture« von Judith Paine McBrien (2014, bestellbar über den Online-Buchhandel).

