Bürgerrechtlerin Leona Tate vor der McDonogh Elementary School in New Orleans

Zuletzt bearbeitet am 10/08/2026

Bürgerrechtlerin Leona Tate: Pionierin auf einer weißen Schule

Leona Tate war eines der drei ersten dunkelhäutigen Mädchen, die im New Orleans des Jahres 1960 eine bis dahin weißen Kindern vorbehaltene Schule besucht haben. 62 Jahre später konnte sie an historischer Stätte einen Ort der Erinnerung eröffnen.

Die McDonogh Elementary School in New Orleans

Leona Tate hatte eine lange Zeit nicht mehr darüber gesprochen, dass sie eine prominente Rolle in der Geschichte der USA gespielt hat. Sie, die 1954 in New Orleans zur Welt gekommen ist, wollte ihrer Familie lieber ein normales Leben ermöglichen. Ständig mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden, schien ihr dabei nicht hilfreich.

Leona Tate: Heldin wider Willen

So führte Tate ein eher unaufgeregtes Leben im Lower Ninth Ward, einem traditionell afroamerikanischen Viertel am Unterlauf des Mississippi, das 2005 von Hurrikan Katrina besonders schwer getroffen wurde. Nicht einmal ihre Kinder wussten, dass sie eine Heldin der Bürgerrechtsbewegung ist – und ihre Nachbarn oder Kollegen schon gar nicht.

Hinweisschild für die historische Bedeutung der McDonogh Elementary School in New Orleans

Vergessen aber hat Leona Tate ihre frühe Kindheit nie. Als Sechsjährige war sie am 14. November 1960 als eines von drei dunkelhäutigen Mädchen auf die McDonogh 19 Elementary School in der St. Claude Avenue geschickt worden. Gemeinsam mit den gleichaltrigen Tessie Prevost und Gail Etienne war sie die Dunkelhäutige, die eine bis dahin weißen Kindern vorbehaltene Schule besucht hat.

Aufruhr im Lower Ninth Ward

Für New Orleans war dies Prüfstein und Zeitenwende zugleich, was auch im Rest der USA viel Beachtung fand. Louisianas Metropole hatte sich – wie weite Teile des Deep South – bis zu diesem Zeitpunkt mit aller Macht geweigert, einen bereits 1954 vom Obersten Gerichtshof gefassten Beschluss umzusetzen.

Demzufolge verstieß die Segregation an amerikanischen Schulen gegen die Verfassung. Mit Prozessen und Protestmärschen versuchten der Staat Louisiana, seine Machthaber und große Teile der weißen Bevölkerung, das als „Brown versus Board of Education“ in die Geschichte eingegangene Urteil zu umgehen.

Bürgerrechtlerin Leona Tate gehörte zu den ersten vier dunkelhäutigen Mädchen, die in New Orleans eine Schule für Weiße besucht haben

1959 jedoch setzte der für Louisiana zuständige Bundesrichter J. Skelly Wright den Verantwortlichen eine letzte Frist für die Umsetzung des Bundesrechts. Entsprechend groß war der Aufruhr im November 1960: Die Mädchen, von denen man bald nur noch als McDonogh Three sprach, wurden von Federal Marshals in die Schule begleitet, die den gesamten Tag vor Ort blieben.

Abgeklebte Fenster im Klassenzimmer

Die Schulleitung versuchte derweil die Sicherheit zu gewähren, indem sie die Fensterscheiben der Klassenzimmer mit Papiertüten abkleben ließ. Diese Maßnahme sollte verhindern, dass ein wütender Mob von der Straße aus sehen konnte, wo der Unterricht für die afroamerikanischen Mädchen stattfand. 

Während die meisten weißen Eltern ihre Kinder empört von der Schule nahmen, durften die McDonough Three zu keinem Zeitpunkt auf den Schulhof. Auch wurde in der Schule aus Angst vor Giftanschlägen das Wasser abgedreht.

Das Lokal Dooky Chase's Restaurant gehört zu den wichtigen historischen Schauplätzen der Bürgerrechtsbewegung in New Orleans

Dooky Chase's Restaurant: wichtiger Schauplatz der Bürgerrechtsbewegung in New Orleans 

Wie Tate heute berichtet, hatte sie trotz der bedrohlichen Umstände zu keinem Zeitpunkt Angst: „Dafür waren wir schlicht zu jung. Wir konnten uns nicht erklären, was mit uns passierte.“ Zwei Jahre lang hielten diese Zustände an. Danach wurden die Mädchen in eine andere Schule versetzt, die zu diesem Zeitpunkt bereits 20 Afroamerikanerinnen besuchten.

Dadurch gerieten sie aus dem Fokus. Doch die Desegregation sollte Leona Tate bis zu ihrem Abschluss verfolgen. Ein Schicksal, das durch die langsame Umsetzung Tausende Schülerinnen und Schüler in New Orleans mit ihr teilten.

Obama als Inspiration

Wie bei so vielen anderen Einwohnern von New Orleans war es Hurrikan Katrina, der Leona Tate zumindest indirekt zu einem Wendepunkt im Leben führte. Das nur acht Blocks vom Mississippi entfernte Gebäude der McDonogh 19 Elementary School wurde von den Fluten so schwer beschädigt, dass es fortan nicht mehr genutzt werden konnte und dem Niedergang ausgesetzt war.

Leona Tate beobachtete den Verfall ihrer historischen Wirkungsstätte einige Jahre lang. 2009 schließlich entschloss sie sich zu handeln. Ihre Kinder waren aus dem Haus. Mit Barack Obama war erstmals ein Farbiger Präsident.

Und auch beruflich konnte die Beamtin kürzertreten. »Da hatte ich die Eingebung, mich aktiver um Bürgerrechte zu kümmern. Ich musste etwas aus der Schule machen.« Also gründete sie die Leona Tate Foundation mit dem Ziel Gelder zu sammeln, um das Schulgebäude kaufen und sanieren zu können und dort einen Ort der Erinnerung und der Kontemplation einzurichten.

Autor Ralf Johnen mit Bürgerrechtlerin Leona Tate

Autor Ralf mit Leona Tate

Hartnäckig arbeitete Tate daran, ihren Traum zu realisieren. Als 2018 der mit der Konservierung des amerikanischen Erbes betraute National Park Service einen Betrag von mehr als 500 000 Dollar zu Verfügung stellte, nahm das Projekt konkrete Formen an. Der Bau konnte vollständig restauriert werden.

Im Erdgeschoss würde die Leona Tate Foundation ein Dokumentationszentrum mit Ausstellungsräumen und Büros einrichten. Der Rest der ehemaligen Schule würde in ein Domizil für finanziell bedürftige Einwohner aus dem Lower Ninth Ward verwandelt, das ein Investor finanziert.

Eröffnung des TEP Interpretive Center

Im Februar 2023 nun konnte das TEP Interpretive Center offiziell eröffnet werden. Die Abkürzung setzt sich aus den Nachnamen aller drei Mädchen zusammen, das war Tate wichtig. Personenkult ist ihr fremd. Die neue Ausstellung befasst sich mithilfe multimedialer Einspielungen mit den Ereignissen rund um das Jahr 1960. 

Wie Tate nicht unerwähnt lässt, kommt ihre Initiative dem Staat Louisiana zuvor, der schon 1999 zugesagt hatte, seine Geschichte in einem eigenen Museum of Civil Rights zu dokumentieren. Doch geschehen sei bis heute: nichts.

Animation der Bürgerrechtsbewegung im Louisiana Civil Rights Museum

Überhaupt fällt Tates Einschätzung der amerikanischen Gegenwart trotz ihres persönlichen Erfolges keineswegs positiv aus: „Das fängt schon damit an, dass viele Schüler nicht die geringste Ahnung haben, was sich damals alles abgespielt hat.“ Darauf immerhin kann Tate fortan einwirken.

Eine andere Entwicklung jedoch liegt außerhalb ihrer Macht: So habe nicht nur in New Orleans längst eine neue Form der Segregation an Schulen um sich gegriffen. Diese basiere nicht auf Rassengesetzen, sondern auf subtileren Faktoren: Die wirtschaftlich besser gestellten Kinder weißer Eltern besuchen fast ausschließlich Schulen in den wohlhabenden Vororten. Kinder farbiger Eltern hingegen bleiben an den schlechteren Schulen der ärmeren Viertel unter sich.

Dieser Entwicklung tritt Tate mit ihrer Stiftung ebenso entgegen, wie dem Vergessen. Was die heute 72 Jahre alte Bürgerrechtlerin dabei besonders frappiert, sind die überraschten Gesichter ihrer Zuhörer: „Die Leute denken, dies alles sei sehr lange her. Doch wenn sie mich sehen, wissen sie, dass das nicht so ist.“

Die Bürgerrechtsbewegung in New Orleans

Weitere Informationen zu den Attraktionen von New Orleans findest du auf der Webseite des Tourismusbüros.  

Leona Tates TEP Center in New Orleans

TEP Interpretative Center: 5909 St Claude Avenue, New Orleans, tepcenter.org

Wo in den USA haben Afroamerikaner zuerst eine Schule für Weiße besucht?

In New Orleans haben erstmals vier schwarze Mädchen eine Schule besucht, die Weißen vorbehalten war. Das war im Jahr 1960 und Leona Tate gehörte zu den Pionierinnen. 

Welche Orte in New Orleans haben eine wichtige Rolle bei der Bürgerrechtsbewegung gespielt?

Neben der McDonogh Elementary School hat auch das Restaurant Dooky Chase's eine wichtige Rolle gespielt. Hier haben sich die Protagonisten in einem Hinterzimmer getroffen, um über ihre Strategie zu sprechen. Das Lokal existiert immer noch, serviert wird Comfort Food aus den Südstaaten. 

Wer ist Leona Tate?

Leona Tate ist eine Bürgerrechtlerin aus New Orleans. Sie gehörte 1960 zu den ersten vier dunkelhäutigen Mädchen, die eine bis dahin Weißen vorbehaltene Schule besucht haben. 

Gibt es in New Orleans ein Bürgerrechtsmuseum?

Ja, im Jahr 2023 hat in New Orleans das Louisiana Civil Rights Museum eröffnet. Es befindet sich zurzeit im Kongresszentrum am Rande der Innenstadt. 

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