Gruppenbild aus der Ausstellung Clotilda im AfricanHeritage House in Mobile

Foto: Visit Mobile

Zuletzt bearbeitet am 10/08/2026

Die Clotilda: das letzte Sklavenschiff

1860 war es bereits seit mehr als 50 Jahren verboten, Sklaven in die USA zu bringen. Dennoch konnte in besagtem Jahr in Mobile, Alabama, ein Schiff mit 110 afrikanischen Frauen und Männern landen. Eine schwer zu glaubende Geschichte, die das African Heritage House in Mobile neuerdings abbildet und so im kollektiven Gedächtnis verankert.

Gemälde mit ausgemalten Buchstaben des Namens Africatown, ein Stadtteil von Mobile

Wie aus Aufzeichnungen des Kapitäns der Clotilda hervorgeht, sticht das ursprünglich als Holztransporter gebaute Schiff am 4. März 1860 in See. Der Kommandant hört auf den Namen William Foster. Und er weiß, was er tut, denn er handelt im Auftrag eines gewissen Timothy Meaher.

Groß angelegte Entführung

Der Plantagenbesitzer und Schiffsbauer ist ein erklärter Gegner der Nordstaaten. Die Yankees macht er für das bereits existierende Verbot neuer Versklavungen verantwortlich. Zudem sieht er die Gefahr, dass sie ihm durch ein allgemeines Sklavereiverbot seine bestehenden Privilegien nehmen wollten.

Holzsplitter aus dem Wrack der Clotilda im African Heritag House in Mobile

Foto: Visit Mobile

In einer Mischung aus Racheakt und Selbstjustiz beschließt Meaher, sich bewusst über das Gesetz hinwegzusetzen. Er will den Import weitere afrikanischer Zwangsarbeiter selbst in die Hand nehmen. Dabei verlässt er sich auf die Unterstellung, dass die Behörden in Alabama nicht so genau hinsehen, wenn er dort mit einem Schiff voller Sklaven landet. Eine Einschätzung, mit der er völlig richtig liegen sollte.

125 Sklaven aus dem Königreich Dahomey 

Wie Kapitän Foster festhält, nimmt die Clotilda zielstrebig Kurs auf das Königreich Dahomey, das heute als Benin bekannt ist. Dort will Meaher dem König 125 Gefangene abkaufen, zu einem Preis von 100 Dollar in Gold pro Kopf. Der Monarch lässt sich bereitwillig auf den Handel ein. Allerdings ist die Crew der Clotilda nicht über die Machenschaften im Bilde. Doch als sie mit Meuterei droht, verdoppelt Meaher kurzerhand den Lohn. Dadurch kann der Menschenraub doch noch wie geplant vonstatten gehen.

Unwirtliche Ufer des Mobile River mit Sumpfzypressen

Nach etwas mehr als vier Monaten erreicht die Clotilda am 9. Juni 1860 bei Mobile die Küste Alabamas. Letztlich sind nur 112 Afrikaner an Bord, weil das Schiff überhastet aufbrechen musste, als vor der Küste Dahomeys Dampfschiffe gesichtet wurden. Zwei Gefangene überleben die Reise nicht. Die verbliebenen 108 Gefangenen gilt es nun möglichst diskret an Land zu bringen.

Landgang an den Ufern des Mobile River 

Also navigiert Kapitän Foster das Schiff bei Nacht in die Mobile Bay. Anschließend nimmt er Kurs auf den Mobile River, dessen Ufer dicht bewaldet sind. Hier bringt die Crew ihre Gefangenen von Bord. Danach erteilt der Kapitän den Befehl, das Schiff zu versenken und anzuzünden – schließlich möchte man nicht mehr Spuren als nötig hinterlassen.

Der Raubzug ist geglückt. Von den 108 Sklaven behält Meaher 32 für sich, die er auf seiner Plantage zum Einsatz bringen will. Die anderen 76 Menschen werden an die Investoren des Coups verteilt. Allerdings geht das Ganze nicht so geräuschlos vonstatten, wie sich das Meaher und Kapitän Foster erhofft hatten. Viel mehr berichtet mehr oder wenige die gesamte Medienlandschaft der USA über die Ankunft des Sklavenschiffs. Doch die Empörung hält sich überwiegend in Grenzen. Meaher muss lediglich ein Bußgeld zahlen.

Mural des letzten Sklavenschiffes, der Clotilde, in Mobile Alabama

Foto: Andi Martin

Auch die Verbrennung der Clotilda verläuft nicht nach Plan. Vielmehr sinkt das Schiff nur teilweise. Folglich gehen nur jene Teile in Flammen auf, die sich oberhalb der Wasseroberfläche befinden. Der Rest versinkt mit der Zeit im Schlamm des Mobile River. Auch diese Fußnote der Geschichte ist im Alabama des ausklingenden 19. Jahrhunderts kein Geheimnis. Niemand allerdings macht sich die Mühe, das Wrack zu bergen.

Suche nach dem Wrack der Clotilda

Erst als sich Jahrzehnte später herauskristallisiert, dass die Clotilda tatsächlich das letzte Sklavenschiff war, steigt das Interesse an ihren Überbleibseln wieder. Als der Mobile River 2018 so wenig Wasser wie nie zuvor führt, machte sich schließlich der Reporter Ben Raines auf die Suche nach dem Wrack. Bald stößt er wenige Kilometer nördlich von Mobile auf das, was er für die Überbleibsel des 26 Meter langen Schoners hält. Doch Archäologen widerlegen seine These auf Basis von Materialanalysen.

Vitrine mit Artefakten aus dem Königreich Dahomey, dem heutigen Benin

Foto: Visit Mobile

Raines indes gibt nicht auf. Gemeinsam mit Wissenschaftlern von der University of Southern Mississippi untersucht er einen 20 Kilometer langen Flussabschnitt. Dabei spürt das Team nicht weniger als elf Wracks auf – darunter auch die Clotilda. Während das Wrack näher untersucht wird, bleibt der Fund noch geheim. Erst als klar ist, dass eine vollständige Bergung wegen des Zustands des Wracks nicht möglich ist, wird die Entdeckung ohne Angabe des Ortes publik gemacht. Das letzte Sklavenschiff also bleibt für immer dort, wo es versenkt wurde.

Africatown: Neue Heimat der befreiten Sklaven

Die nach dem Bürgerkrieg ab 1865 offiziell wieder freien Afrikaner haben unterdessen gemeinsam mit ihren Leidensgenossen einen eigenen Stadtteil bezogen: Africatown. Ebendort hat 2023 ein Museum seine Pforten geöffnet, das die Geschichte der Sklavenschiffs und seiner Passagiere erzählt. Konkret befindet sich „Clotilda – The Exhibition“ im African Heritage House.

Wer dort hinfährt, wird sich schnell der fehlenden Wertschätzung des Stadtteils gewahr. Africatown ist von Müllverbrennungsanlagen, einer Asphaltfabrik und Raffinerien umgeben. Die Luft ist schlecht, doch das hindert die Bevölkerung nicht daran, mit bunten Hausanstrichen Lebensfreude zu verbreiten.

Das African Heritage House in Mobile, Alabama

Würdevoll ist auch das Interieur des Ausstellungshauses. Es ordnet die Kultur der Menschen aus dem Königreich Dahomey ein und zeigt Artefakte aus der Zeit der Entführung. Auch präsentiert es einige Bruchstücke des Wracks der Clotilda. Vor allem beschäftigt sich die Ausstellung mit den Menschen, die gegen ihren Willen nach Alabama gebracht wurden. Einige von ihnen waren im Kindesalter verschleppt worden und sollten noch ein langes Leben führen.

Die Geschichten der Überlebenden

Der 1935 gestorbene Cudjo Lewis etwa wurde lange für den ältesten „Survivor“ gehalten. Später stellte sich heraus, dass Matilda McCrear ihn noch um fünf Jahre überlebt hatte. Es sind bewegende Geschichten, in welche die Besucher des Museums von der Außenwelt unbeeinträchtigt eintauchen können. Die Benutzung von Smartphones ist in der Ausstellung ebenso verboten wie das Fotografieren. Eine gute Entscheidung.

Schild für die Ausstellung Clotilda The Exhibition in Mobile

Statt der allgegenwärtigen Konsummethoden unserer Zeit wartet das Museum lieber mit Oral History auf. Die verbale Übertragung von Geschichten von einer Generation zur nächsten also. Wer Glück hat, trifft vor Ort etwa auf Pat Frazier. Die 75-Jährige erzählt Museumbesuchern von ihrer Urgroßmutter Lottie Dennison, die auf der Clotilda nach Alabama verfrachtet wurde.

Versöhnung der Familien

Doch das ist nicht die einzige Form der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte. Pat Frazier nämlich hat sich 2023 auch mit Meg Meaher getroffen, der Urgroßenkelin von Plantagenbesitzer Timothy Meaher. Meg ist in der Nähe von Africatown aufgewachsen, hat den Stadtteil jedoch bis 2021 nie betreten. Das hat sich erst geändert, als sie Freiwilligenarbeit bei einer dortigen Essensausgabestelle geleistet hat. Danach auch hat sie auf das Ansinnen Fraziers reagiert, sich bei einem Treffen auszusprechen.

Pat Frazier zeigt Bilder von Passagieren der Clotilda in der Ausstellung in Mobile

Pat Frazier

So ist viele Generationen später die abermalige Begegnung der Familien Frazier und Meaher zustande gekommen. Wie Frazier berichtet, macht sie Meg nicht für die Taten ihrer Vorfahren verantwortlich. Wohl aber ist sie froh die Gelegenheit gehabt zu haben, die heutige Generation aus erster Hand über die Folgen aufgeklärt zu haben.

Meg Meaher, deren Familie immer noch großflächige Ländereien rundum Africatown besitzt, zeigte sich beeindruckt. In Absprache mit ihrer Familie hat diese damit begonnen, Eigentumsschilder von Grundstücken zu entfernen. Auch haben die Meahers 50 000 Dollar für eine neue Essensausgabe in Africatown gespendet. Alles deutet auf Vergebung, Aussöhnung und Wiedergutmachung hin. Da sage noch mal jemand, es gebe keine Feelgood-Geschichten mehr aus den USA.

Infos zu Clotilda the Exhibition

Wann wurden die letzten Sklaven in die USA gebracht?

Die letzten afrikanischen Sklaven wurden 1860 aus dem heutigen Benin nach Mobile, Alabama verfrachtet. Damals war der Transport von Sklaven aus Afrika in die USA schon mehr als 50 Jahre verboten. 

Wofür ist die Clotilda bekannt und wo liegt das Schiff? 

Auf der Clotilda wurden im Jahr 1860 letztmalig Sklaven aus Afrika in die USA verfrachtet. Es handelt sich um 110 Männer und Frauen, die der König des heutigen Benin an einen Plantagenbesitzer aus Mobile verkauft hat. 

Existiert ein Museum über das Sklavereischiff Clotilda? 

In Africatown, einem Stadtteil von Mobile, hat 2023 das Museum "Clotilda - The Exhibition" eröffnet. Die Ausstellung ist im African Heritage House zu sehen: 2465 Wimbush St, Mobile, AL 36610. 


Wann ist Clotilda The Exhibition geöffnet? 

Die Ausstellung Clotilda The Exhibition ist dienstags bis samstags von 10 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet 15 USD.

Wo finde ich zusätzliche Informationen über Mobile, Alabama?

Auf der Homepage von Visit Mobile findest du weitere Informationen, die für einen Besuch in Mobile hilfreich sind. Auch die Seite von Deep South USA kann ich dir ans Herz legen. 

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